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Heberlein

Firmen-Historie

175 Jahre Kaufhaus Rid

von Dr. Joachim Heberlein

Man schrieb das Jahr 1840, in Großbritannien erschien mit der „One Penny Black“ die erste Briefmarke der Welt und Königin Victoria ehelichte Albert von Sachsen-Coburg und Gotha.

August Bebel, der spätere Führer der Arbeiterbewegung, Claude Monet und Auguste Rodin erblickten das Licht der Welt. In München schloss Joseph von Utzschneider, der findige Techniker und Unternehmer, die Augen und Caspar David Friedrich, der große Maler der deutschen Romantik, legte für immer den Pinsel aus der Hand.

Die Stadtgemeinde Weilheim veräußerte das alte Stadtzieglerhaus, in Tankenrain wurde das erste Anwesen errichtet, König Ludwig I. gestattete huldvollst wieder den altherkömmlichen Bittgang auf den Heiligen Berg Andechs und mit dem 87 Jahre alten Totengräber und Betbergmesner Johann Narzissus Baudrexl starb der älteste Bürger der Stadt.

Und in eben diesem Jahr sollte in der Oberen Stadt der Grundstock für das nach der Sparkasse zweitälteste Unternehmen Weilheims gelegt werden.

Dass dies in der „guten alten Zeit“ gar nicht so einfach war, kann man sich denken. Zunächst einmal musste der aus Unterigling bei Kaufering stammende Lodweber Ludwig Rid, der 600 Gulden Barschaft vorweisen konnte, vor seiner Verheiratung mit der „Loderers-Tochter“ Maria Anna Weber im Februar 1840 gegen Erlag von 40 Gulden das Bürgerrecht erwerben. Darüber hinaus hatte er nachzuweisen, dass er zur Ausübung des Gewerbes und zur Führung eines Geschäftes fähig ist. Da ihm zwei Zeugnisse der „königl. Districkts-Prüfungs-Commission Landsberg“ die Fähigkeit zum „selbstständigen Betriebe des Lod- und Leinwebergewerbes“ bescheinigten, gestattete der Stadtmagistrat mittels einer „Gewerbe-Konzessions-Urkunde“ die Ausübung „der früher von Elias Weber und Martin Gistl betriebenen realen Gerechtigkeiten“. So, der Anfang war nun gemacht.

Umtriebig, wie Rid war, kaufte er nicht nur die Gistl´sche Gerechtsame, sondern vom Onkel seiner Gemahlin auch gleich noch das Nachbarhaus. Mit dem eigenen zu einem Anwesen umgebaut, bot sich im Erdgeschoß ausreichend Platz für einen Laden und die Wohnstube, die straßenseitig lagen, sowie die geräumige Werkstatt, in der drei Webstühle Platz fanden, und den Stall zur Hofseite hin.

Da Rid die Weberei allein nicht mehr genügte, machte er sich daran, seine Erzeugnisse, die er und seine beiden Gesellen nun nicht mehr nur auf Bestellung, sondern auf Vorrat produzierten, selbst zu vermarkten. Zu den eigenen Produkten gesellten sich bald auch Wollknäuel und zugekaufte, gefärbte Loden.

Außer in seinem Laden verkaufte er seine Waren auf den Jahrmärkten in Weilheim, Polling, Habach, Murnau und Sindelsdorf.

Auch wenn er sich noch so mühte, die Zeit mit ihren Erfindungen schien gegen ihn zu sein. Die mechanischen Webereien produzierten billiger, die Industrie schien das alte Handwerk zu verdrängen.

Wer nun aber meint, dass Ludwig Rid klein beigegeben hätte, der irrt sich. Vielmehr sah er sich nach neuen Erwerbsmöglichkeiten um. In Landsberg gewann er einen Strumpfwirker als ersten Großlieferanten für seine Firma und von der Mechanischen Flachsspinnerei in Memmingen ließ er sich als Agent anwerben. Dem verehrlichen Publikum machte er im Weilheimer Wochenblatt bekannt, dass er „jede Partie gehechelten Flachs und geriebenen Hanf dorthin befördere“.

Als im Jahr darauf der am Postplatz beheimatete Seiler Kratzmeier die Kunden wissen ließ, dass er als Agent die Mechanische Wer- und Flachsspinnerei Müller & Co. in Babenhausen vertrete, brachte dies dem alten Webermeister keine schlaflosen Nächte. Denn seine Rechnung war aufgegangen. Jenen, die ihm ihren Flachs und Werg zum Versand nach Memmingen brachten, eröffnete dies zugleich die Möglichkeit, sich im Laden umzuschauen und den heimischen Bedarf an Wolle, gestrickten Jankern, Bändern, Fäden und dergleichen, oder auch an Ellenware, wie Loden, Druckstoffen, gebleichten und ungebleichten Bauerntüchern und Handtüchern sowie an Bettzeug, Fürtüchern oder Getreide- und Mehlsäcken zu decken.

Ein erster, entscheidender Wandel war nun eingetreten: Ludwig Rid war nun mehr Kaufmann als Handwerker, aus der Weberei begann sich das „Kaufhaus Rid“ zu entwickeln.  Während Josef, Alois und Nikodemus, jene drei seiner fünf Söhne, die das väterliche Handwerk erlernt hatten, in der Werkstatt an den Webstühlen saßen oder in der am Schlatt  (unterhalb des Gögerls; Red.) gelegenen Walkhütte den Loden bearbeiteten, ging Ludwig seinen kaufmännischen Pflichten nach. Als er sich schließlich 1875 zur Ruhe setzte und das Geschäft an den 1844 geborenen Josef übergab, konnte er stolz auf sein Lebenswerk, das die Umbrüche von der „guten alten“ zur neuen Zeit, wohlbehalten überstanden hatte, zurückblicken.

Josef ehelichte im September 1875 die Murnauer Sattlerstochter Barbara Bartl, die nicht nur zwei arbeitsame Hände, sondern neben einer ansehnlichen Aussteuer an Wäsche und Möbeln die stattliche Summe von 6.000 Gulden mit in die Ehe brachte. Der Guldensegen kam Josef gerade recht, konnte er damit doch seine Geschwister auszahlen und zugleich den weiteren Ausbau des Geschäfts vorantreiben. Bis in die 1890er wurde die Weberwerkstatt in alter Weise weiter betrieben, man fertigte Loden, „harbes Tuch“, Handtücher mit schönen Mustern und vor allem Fleckerlteppiche – alles aber nur noch auf Bestellung und nicht mehr auf Vorrat für das Ladengeschäft.

Gegen Ende des Jahrhunderts war es dann mit der alten Weberherrlichkeit vorbei und vom ehemals in diesem Haus betriebenen Handwerk zeugte nur noch der Hausname „Loderer“. Geschäftstüchtig, wie Josefs Gemahlin Barbara nun einmal war, ließ sie einen zweiten Marktstand anfertigen. Während an einem Josef die Ellenware feilbot, oblag Barbara der Verkauf der aus Landsberg bezogenen Strumpfwirkerware.

Nach und nach erweiterten die Eheleute das Warenangebot und der Laden wurde langsam aber sicher zu klein. Man machte sich also an einen vollständigen Umbau des Hauses und erweiterte den Laden auf das gesamte Erdgeschoß, denn nur so konnte man die von den Grossisten bezogenen Herrlichkeiten seinen Kunden adäquat präsentieren. Auch wenn die Bauern immer noch ihren Flachs, ihren Werg und ihre Wolle zum Loderer brachten, so zeigte sich dennoch, dass sie die industriell gefertigten Produkte den handwerklich gefertigten vorzogen. Um die Bauern, bei denen bares Geld die meiste Zeit Mangelware war, als Kundschaft nicht zu verlieren, bot man ihnen an, jedes Quantum Werg, Flachs, Hanf und Wolle gegen Ware umzutauschen. Wieder einmal hatten die Rids den richtigen Riecher gehabt und der Aufschwung des Geschäfts gab ihnen Recht.

Inzwischen waren auch die Söhne herangewachsen, so dass die Eltern an die Übergabe des Geschäfts denken konnten. Weil die beiden ältesten studierten, war Cajetan, der dritte Sohn, zum Geschäftsnachfolger ausersehen. Am 1. Januar 1905 übernahm er das in der Oberen Stadt 10 gelegene Geschäft und wenige Tage später führte er die aus der Unterstadt stammende Konditors- und Lebzelterstochter Anna Krönner, die als Tochter eines Geschäftsinhabers mit dem nötigen Rüstzeug bereits versehen war, vor den Traualtar in der Pfarrkirche St. Pölten. Gemäß der alten Devise des Hauses „Gut und billig“ konnte man nach gerechter und ehrlicher Kalkulation bei ihm einkaufen. Und nichts machte ihn stolzer als die Zufriedenheit seiner Kunden, deren Anzahl von Jahr zu Jahr in Stadt und Land zunahm.

Während der Lehrzeit bei großen Münchner Unternehmen kaufmännisch bestens geschult, ging Cajetan Rid zusammen mit seiner Frau daran, das Geschäft neuzeitlich zu gestalten. Manch veraltete Geschäftsverbindung wurde aufgegeben, neue dagegen eingegangen. Statt über die Grossisten bezog er seine Waren nun direkt von den Herstellern und bediente dadurch seine Kunden noch günstiger. Das alte Lodererhaus konnte die Waren kaum mehr fassen, jede Ecke, jeder Winkel wurde zu deren Aufbewahrung genutzt.

Da ein weiterer Um- und Ausbau des in der Oberen Stadt gelegenen Hauses nicht mehr möglich war, und das geschäftliche Zentrum der Stadt nun einmal um den Hauptplatz (heute Marienplatz; Red.) zu suchen war, strebte Cajetan Rid danach, ein Geschäftslokal in der Unterstadt zu erwerben. Doch da zerstörte der I. Weltkrieg, der auch den Textilgeschäften arg zusetzte, seine Träume. Nach Kriegsende, machte er sich energisch an die Verwirklichung seines Planes, und da ihm das Glück hold war, hatte er bald ein geeignetes Anwesen gefunden. Das an der Schmiedstraße gelegene, ehemalige Torschmiedhaus, in dem das Konfektionsgeschäft Turnheim seine Waren feilbot, stand zum Verkauf. Nachdem alle Verhandlungen zielführend waren, erwarb er im Frühjahr 1919 zum Preis von 75.000 Mark das Anwesen. Da es in seinem Zustand seinen Vorstellungen nicht entsprach, machte er sich an einen Umbau.

Im Herbst 1919 konnte man das Haus mit dem geräumigen Verkaufsraum und den großen werbenden Auslagen beziehen. Die Stammkunden, welche die zuvorkommende Bedienung zu schätzen wussten, kehrten im neuen „Kaufhaus Cajetan Rid“ genauso gerne wie der immer größere werdende Kreis neuer Kunden, der durch die großzügige Reklame, um deren Bedeutung der Geschäftsinhaber sehr wohl wusste, angezogen wurde.

Sechs Verkäuferinnen standen hinter den Ladentischen und bald unterstützte auch die 1905 geborene Tochter Annie ihre Eltern. Die Inflation machte auch vor dem Rid´schen Geschäft nicht Halt und so verzeichnete man im Oktober 1923 als Monatseinnahme die unvorstellbare Summe von 4.309.776.200.000 Mark. Nachdem die Geldentwertung glücklich überstanden war, begann das Unternehmen wieder zu florieren und Cajetan Rid musste die Geschäftsräume vergrößern. Geschmackvoll und aussagekräftig dekorierte Schaufenster luden die Vorübergehenden nun zum Besuch des Geschäftes ein.

Nachdem Annie 1933 den aus Dorfen stammenden Max Lipp geehelicht hatte, übernahmen sie die Firma und vergrößerten ein weiteres Mal die Lokalitäten, wo in meterhohen Regalen gelagerte Stoffe verschiedenster Art auf die Kundinnen warteten. Während man heute seine Kleidung von der Stange kauft, so trug man damals den erworbenen Stoff zur Weiterverarbeitung zur Schneiderin.

Die Friedensjahre waren bereits gezählt und als am 1. September 1939 der II. Weltkrieg vom Zaun gebrochen wurde, sah sich die hochschwangere Annie Lipp plötzlich großen Herausforderungen gegenüber. Am 1. September wurde ihr Mann zur Wehrmacht eingezogen, am 11. September starb ihr Vater Cajetan und zwei Tage später erblickte der Stammhalter Max Lipp das Licht der Welt. Die ganze Verantwortung für das Geschäft und die junge Familie lasteten nun auf ihren Schultern. Entschlossen und tatkräftig meisterte sie diese schwere Zeit. Bezeichnend für ihren Geschäftssinn ist diese Werbung aus den Kriegsjahren: „Warum werben wir heute? Um recht viel zu verkaufen? Nein! Heute gilt es vor allem, unseren Namen und unsere steten Bemühungen im Gedächtnis der Kunden zu verankern. Für später!! Rid Weilheim.“

Mit zunehmender Kriegsdauer wurde es zunehmend schwieriger, ausreichend Waren zum Verkauf zu ordern. Und so war man immer wieder gezwungen, das Geschäft tageweise zu schließen und im August 1942 gab es die ersten Betriebsferien. Als ab 1944 die Fliegerangriffe auf München zunahmen, musste man während des Alarms das Geschäft schließen und, wie die erhaltenen und eine beredte Sprache sprechenden Kassenbücher zeigen, dementsprechende Umsatzeinbußen hinnehmen. Für den 19. April 1945, als Weilheim bombardiert wurde, findet sich der Eintrag: „nachm. Aufräum Arbeit, Tieffliegerangriff von ½ 11 – 12 h“. War doch eine Bombe in das Druckgebäude des Weilheimer Tagblatts gefallen und hatte die umliegenden Häuser beschädigt.

Als am 29. April die Amerikaner einrückten, war das Geschäft geschlossen, ebenso am darauf folgenden Tag, an dem es geplündert wurde. Die Nachkriegsjahre waren vom Warenmangel geprägt, im Dezember 1947 hatte man lediglich neun Tage geöffnet, und die immer wieder vorkommenden Stromabschaltungen trugen das Ihrige bei.

Nachdem am 20. Juni 1948 in den drei Westzonen die Deutsche Mark eingeführt worden war, ging es wieder bergauf. Als man am 24. Juni wieder öffnete, konnte man die stolze Summe von 1.415,65 DM als Tageslosung in das Kassenbuch eintragen.

Das Geschäft florierte erneut, 1954 stockte man den Anbau um eine Etage auf und baute eine elegante Treppe, die so manchem „alten“ Weilheimer noch im Gedächtnis ist, ein.

1963 erweiterte man erneut und „der Rid“ wurde nun zum „Kaufhaus Rid“ in dem man neben Textilien auch Haushalts- und Spielwaren, Lederwaren, Schreibwaren und vieles anderes mehr erwerben konnte. 1966 gründete man eine Filiale in Penzberg und sechs Jahre später übernahmen Max Lipp jun. und seine Frau Barbara das Kaufhaus.

Die Geschichte eines Unternehmens ist auch immer eine Geschichte von Um-, Aus- und Neubauten. 1980 vergrößerte man das Penzberger Haus und an Stelle des vom Großvater errichteten Hauses in der Schmiedstraße trat 1985 der heutige, 2010 erneut vergrößerte Bau.

164 Jahre nach Gründung des Unternehmens durch den Lodweber Ludwig Rid, trat 2004 mit Florian Lipp die sechste Generation in den erfolgreichen Familienbetrieb ein. Ob der Urahn damals bereits geahnt hat, dass er den Grundstein zu einer nunmehr eindreiviertel Jahrhunderte dauernden Unternehmensgeschichte gelegt hatte?